Eigentlich kanne ich ihn kaum, ein Bisschen nur, immerhin hatte ich mit dem FR-Redakteur vor wenigen Tagen Mailkontakt. Und heute lese ich in der Zeitung, meiner Tageszeitung, dass er tot ist. Verstorben. Plötzlich. Am Mittwochabend.
Kennst Du Felix Helbig?", hatte heute Mittag meine Frau gefragt, Zeitunglesend. "Klar" hatte ich geantworten. Het der jetzt einen Preis gewonnen?, schob ich innerlich nach. Gewundert hätte es mich nicht. Seine Themen waren die, die mitunter wehtun, die bequeme Lokaljournalisten gerne einmal kleinreden oder lieber gleich beiseite schieben. Die Eisen, so schien es, konnten nicht heiss genug sein. Solch mutige Leute findet man selten. Erst recht, wenn sie erst 32 Jahre als sind.
Es waren vor allem seine Themen, die mich interessierten: Skandale in Schnellrestaurant, Ausbeutung, Schweinereien, Rechtsradikale.
Gerade wegen letzterem Thema hatte ich Kontakt zu ihm aufgenommen. Mit ihm und Quartiersmanagerin Heike Hecker hätte ich mich nächsten Freitag zusammensetzen wollen, um über die epidemieartige Aufkleberflut "Identitäres Europa" zu sprechen. Er hatte bereits vergangenes Jahr darüber geschrieben. Die Rassismus-Diskussion in Rödelheim verfolge er schon seit längerem, hatte er geschrieben. Das hatte mich ein Stück weit beruhigt, das Thema schien in guten Händen. Wie bitter.
Andreas Nöthen
Wie die Kollegen der FR trauern, lest ihr hier:
http://www.fr-online.de/abschied-von-felix-helbig/erinnerung-glueck-fuer-alle,21828358,21852456.html#commentsRoot
Posts mit dem Label FR werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label FR werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Samstag, 16. Februar 2013
Montag, 7. Januar 2013
FR vor Ort in Rödelheim: Am Mittwoch, 9. Januar, 15 bis 17 Uhr vor der Sparkasse
Rödelheim. In der Jahresrückblickserie der Frankfurter Rundschau ist in der heutigen Ausgabe der Ortsbeirat 7, also Ortsvorsteher Christian Wernet an der Reihe. Dabei geht es auch wieder um das Thema "Rödelheim - Stadtteil gegen Rassismus", eine Initiative aus Gruppierungen und evangelischer Kirchengemeinde, die mit den gelben Schildern ein Zeichen gegen Rassismus setzen wollte.
Über das Geeiere im Ortsbeirat haben wir hier ja schon ausgiebig berichtet. Tenor dort, die CDU befürchtet einen Wildwuchs an weiteren Schildern, was natürlich absoluter Unfug ist, das lässt sich nämlich prima in einer Satzung regeln. Etwa: das Anbringen gewerblicher Hinweisschilder - was befürchtet wird - ist grundsätzlich nicht erlaubt oder bedarf der Zustimmung des Ortsbeirats. Damit wäre das Problem wahrscheinlich schon gelöst. Auch der Einwurf aus dem Konservativen Lager, Außenstehende könnten den Eindruck gewinnen, Rödelheim habe ein Rechtsproblem ist die falsche Denkrichtung. Solange nicht darüber zu reden bis es zu spät ist, ist gefährlich. Irgendwie erweckt das ganze den Eindruck, als sei man in der Ortspolitik ziemlich hilflos im Umganz mit rechtem Gedankengut. Zumal es Rödelheimer gibt, die sich offen zum Schild "Rödelheim - Stadtteil gegen Rassismus" bekennen, und dafür anonyme Briefe und überklebte Aufkleber als Reaktion bekommen. Seitens der von uns fraktionsübergreifend angesprochenen Lokalpolitiker heißt es da nur: also wenn Sie sich bedroht fühlen, dann erstatten Sie doch Anzeige.
Am Rande erwähnt sei, dass gerade auch die rechte Szene die Diskussion in diesem Blog wahrnimmt. Beleg hierfür ist das Portal "Political incorrect", das auf einige Beiträge aus diesem Blog verlinkt hat. Was von dem Portal zu halten ist, habe ich auf Anfrage im Polizeipräsidium erfahren: "Bei dem Internetportal "pi.news" handelt es sich um eine der führenden antiislamischen Internetseiten. Es gibt davon verschiedene Ausgaben in zahlreichen Sprachen. Die Seite ist seit Jahren bekannt. Zahlreiche Anzeigen gegen einzelne Beiträge der Seite wurden bundesweit bereits gestellt. Ermittlungen über das BKA gestalten sich schwierig, da die Seite in Panama gehostet ist", teilte ein Spezialist der Polizei mit.
Und beim Blick auf das Portal zeigt sich deutlich: Beitragende sind ganz offenbar auch ganz in der Nähe. Es waren mehrere User feststellbar, die aus Praunheim oder Hausen zu kommen scheinen. So zu tun, als gäbe es kein Problem, ist also mehr als fahrlässig.
Richtig beleidigt auf einen Brief reagierte eine Grünen-Abgeordnete des Ortsbeirats. Zunächst beschwerte sie sich darüber wie anmaßend es sei, den Ortsbeiratsmitgliedern "Untätigkeit" in dieser Sache vorzuwerfen. Aber aber, ich lasse mich da gerne eines Besseren belehren. Doch darauf werden wir wohl noch warten müssen. Jedenfalls wolle man die Aktion "Rödelheim - Stadtteil gegen Rassismus" nicht unterstützen, sondern eine eigene Aktion starten. Was das aber sein soll? Dazu gab es keine Details. Ich vermute stark, da gibt es noch nichts. Was ich auch nicht verstehen kann ist: da gibt es eine konzertierte Aktion aus der Bürgerschaft, auf die man prima aufsetzen könnte, seitens der Politik, die offenbar breite Zustimmung findet und vom bürgerschaftlichen Engagement getragen wird und dann wird das Ganze so dermaßen gegängelt und ausgebremst. Offenbar steht die persönliche Profilierung einiger Politiker über der Sache. Wie schade.
Wie dem auch sei. Die Rundschau wird am Mittwoch von 15 bis 17 Uhr vor der Sparkasse vor Ort sein, um mit den Bürgern über dieses und weitere Probleme zu reden. Und in der morgigen Ausgabe wird ein doppelseitiges Stadtteilporträt erscheinen.
Über das Geeiere im Ortsbeirat haben wir hier ja schon ausgiebig berichtet. Tenor dort, die CDU befürchtet einen Wildwuchs an weiteren Schildern, was natürlich absoluter Unfug ist, das lässt sich nämlich prima in einer Satzung regeln. Etwa: das Anbringen gewerblicher Hinweisschilder - was befürchtet wird - ist grundsätzlich nicht erlaubt oder bedarf der Zustimmung des Ortsbeirats. Damit wäre das Problem wahrscheinlich schon gelöst. Auch der Einwurf aus dem Konservativen Lager, Außenstehende könnten den Eindruck gewinnen, Rödelheim habe ein Rechtsproblem ist die falsche Denkrichtung. Solange nicht darüber zu reden bis es zu spät ist, ist gefährlich. Irgendwie erweckt das ganze den Eindruck, als sei man in der Ortspolitik ziemlich hilflos im Umganz mit rechtem Gedankengut. Zumal es Rödelheimer gibt, die sich offen zum Schild "Rödelheim - Stadtteil gegen Rassismus" bekennen, und dafür anonyme Briefe und überklebte Aufkleber als Reaktion bekommen. Seitens der von uns fraktionsübergreifend angesprochenen Lokalpolitiker heißt es da nur: also wenn Sie sich bedroht fühlen, dann erstatten Sie doch Anzeige.
Am Rande erwähnt sei, dass gerade auch die rechte Szene die Diskussion in diesem Blog wahrnimmt. Beleg hierfür ist das Portal "Political incorrect", das auf einige Beiträge aus diesem Blog verlinkt hat. Was von dem Portal zu halten ist, habe ich auf Anfrage im Polizeipräsidium erfahren: "Bei dem Internetportal "pi.news" handelt es sich um eine der führenden antiislamischen Internetseiten. Es gibt davon verschiedene Ausgaben in zahlreichen Sprachen. Die Seite ist seit Jahren bekannt. Zahlreiche Anzeigen gegen einzelne Beiträge der Seite wurden bundesweit bereits gestellt. Ermittlungen über das BKA gestalten sich schwierig, da die Seite in Panama gehostet ist", teilte ein Spezialist der Polizei mit.
Und beim Blick auf das Portal zeigt sich deutlich: Beitragende sind ganz offenbar auch ganz in der Nähe. Es waren mehrere User feststellbar, die aus Praunheim oder Hausen zu kommen scheinen. So zu tun, als gäbe es kein Problem, ist also mehr als fahrlässig.
Richtig beleidigt auf einen Brief reagierte eine Grünen-Abgeordnete des Ortsbeirats. Zunächst beschwerte sie sich darüber wie anmaßend es sei, den Ortsbeiratsmitgliedern "Untätigkeit" in dieser Sache vorzuwerfen. Aber aber, ich lasse mich da gerne eines Besseren belehren. Doch darauf werden wir wohl noch warten müssen. Jedenfalls wolle man die Aktion "Rödelheim - Stadtteil gegen Rassismus" nicht unterstützen, sondern eine eigene Aktion starten. Was das aber sein soll? Dazu gab es keine Details. Ich vermute stark, da gibt es noch nichts. Was ich auch nicht verstehen kann ist: da gibt es eine konzertierte Aktion aus der Bürgerschaft, auf die man prima aufsetzen könnte, seitens der Politik, die offenbar breite Zustimmung findet und vom bürgerschaftlichen Engagement getragen wird und dann wird das Ganze so dermaßen gegängelt und ausgebremst. Offenbar steht die persönliche Profilierung einiger Politiker über der Sache. Wie schade.
Wie dem auch sei. Die Rundschau wird am Mittwoch von 15 bis 17 Uhr vor der Sparkasse vor Ort sein, um mit den Bürgern über dieses und weitere Probleme zu reden. Und in der morgigen Ausgabe wird ein doppelseitiges Stadtteilporträt erscheinen.
Sonntag, 27. November 2011
Frankfurter Rundschau vor Ort in Rödelheim: Ein paar Gedanken in Abwesenheit
Rödelheim. Im Rahmen der Reihe "Vor Ort" wird die Frankfurter Rundschau (FR) in dieser Woche den Stadtteil Rödelheim intensiver beleuchten. Kommenden Dienstag wird ein großes Stadtteilporträt erscheinen, am darauffolgenden Mittwoch, 30. November, werden die Mitarbeiter der Redaktion im Stadtteil Stimmen einfangen - von 11.30 bis 13.30 Uhr vor dem Rewe-Markt an der Kreuzung Radilo/Lorscher Straße. Leider gehöre ich zum arbeitenden Teil der Bevölkerung - sicherlich hätte ich FR-Mitarbeiterin Vanessa Wonka gerne etwas über unseren Stadtteil erzählt. Immerhin konnte ich dies jedoch vorab tun, als "Testimonial", eine persönliche Meinung zum Leben hier.
Ich sag mal vorab: Ich habe nicht in das allgemeine Lamento vom doch ach so schlimmen Niedergang eingestimmt, wie es gerne die Vereinsmeier und Geschäftsringleute tun - weil es, aus meiner Sicht, eher Positives als Negatives zu berichten gibt. Ich wiederhole mich da gerne, denn ich kann es nicht mehr hören, wenn immer nur gejammert wird, was doch alles ach so schlecht geworden ist. Ist es das überhaupt?
Die Spielhallen - jaja. Inzwischen ist das Problem doch erkannt, politisch wird an einer Änderung des Bebauungsplans gestrickt, so dass nicht mit weiteren Zockerbuden zu rechnen sein dürfte. Erste Anzeichen gab es doch schon, als der Metzger in der Radilostraße auszog. Gerüchten zufolge hatte ein "Investor" die Finger danach ausgestreckt - um eine Spielhalle einzurichten. Die Bewohner des Hauses bekamen davon Wind, drohten mit kollektivem Auszug. Der Vermieter bekam daraufhin kalte Füße und vermietete anderweitig. Das ist doch ein positives Signal - inzwischen sind die Rödelheimer alarmiert und hellwach - und wissen sich zu wehren.
Beispiel 2 der Einzelhandel. Ich glaube es jedem Einzelhändler, dass es schwer ist, in Stadtteilen wie Rödelheim ein Geschäft gewinnbringend zu betreiben. Doch, nachdem was ich sehe, sind es vor allem die Betriebe die es schwer haben, die ihren Laden nach alter Väter Sitte betreiben. Und dies bereits mit der Aufmachung im Laden dokumentieren. Gegenbeispiele gefällig?
Hier sind sie: Die Confisierie Graff behauptet sich gegen gefühlte 20 weitere Bäckereien im Stadtteil. Das Geschäft brummt - und sicher nicht, weil man dort, als einer der kleineren am Ort, das x-te Roggenmischbrot leider 20 Prozent teurer verkaufen muss, weil die Konkurrenz effizienter arbeiten kann. Der Bücherladen: Lautete dort die Antwort bloß "haben wir nicht" - der Laden wäre längst Geschichte. Persönliche Ansprache (Hey, Sie mögen doch Nick Hornby, was halten sie von "Zwei an einem Tag"), Bestellungen die schneller sind als Amazon (meist am selben Tag) und ein attraktives zweites Standbein (Kunstdrucke) - so lässt sich auch im früheren Arbeiterstadteil (und im Politikersprech ist Arbeiter = bildungsfern und wenig Literatur zugewandt) ein Buchladen im inzwischen sechsten oder siebten Jahr betreiben. Weitere: Die Blumenläden "Wüstenrose" und "Schön Botanik" - weil sie mehr als Friedhofskränze und Usambaraveilchen verkaufen; die Metzgerei Kerber - weil das Tagesangebot (eine Sache zum halben Preis) derart attraktiv ist, dass selbst Leute, die sich sonst nicht unbedingt einen Metzgereibesuch leisten können, kommen; Das Café Ortells und das "Café im 11. Revier" - weil es atmosphärisch dort noch etwas anderes gibts als Stehtische und Pappbecher im Neonröhrenlicht. Und selbst die Postfiliale ist - nach der Privatisierung - irgendwie schneller und freundlicher geworden. Kurzum: es geht, wenn man will.
Wer allerdings denkt, mit Öffnungszeiten bis 18.30 Uhr, Auslagen im Schaufenster, die sich in 25 Jahren nicht ändern und Gleichgültigkeit signalisiert, Leute in seinen Laden locken zu können, der braucht sich eben nicht zu wundern, wenn die Leute sich ins Auto oder die Bahn setzen, und in wenigen Minuten im MTZ oder MyZeil ein Vielfaches an Auswahl finden, die - natürlich - auch noch günstiger ist. Das ist völlig normal und wer dies bejammert kann das sicher gerne tun, nur wird sich niemand finden, der darauf hört. Wer auch? Sollen Menschen aus Mitleid einkaufen kommen? Dafür sitzt der Euro nicht mehr locker genug. Oder weil es sich scheinbar so gehört? Mit Verlaub, mit jedem verschwindenden Geschäft stehen die Chancen zunächst 50:50, dass es sogar besser werden könnte.
Ähnlich sieht es doch im Bereich Freizeit aus. Wenn Männergesangvereine Flugblätter drucken und sich die Arbeit machen, Männer mittleren Alters aus dem Melderegister zu pulen, dann ist das rührend aber nicht zielführend. Eine gescheite Homepage, ein Auftritt bei Facebook und zeitgemäße Literatur täten ihr Übriges - doch viel abschreckender ist der "Mitgliedszwang". Wer will schon über Jahre irgendwo Mitglied sein? Die Welt ist schnell, sie verändert sich stetig, das Freizeitverhalten sowieso. Und die Konkurrenz um die wenigen Stunden Qualitätszeit, die man so gestalten will, dass man das Arbeitsleben einigermaßen erträgt oder vielleicht darin Erfüllung findet, wächst stetig. Die Unverbindlichkeit wächst. Auch das mag man beklagen, doch nützen wird das wenig. Chöre etwa, die sich zu Projekten gründen, ein Konzert etwa, können sich vor Mitgliedern kaum retten - genau weil diese wissen: Nach dem Konzert ich Schluss, ich muss mich fortan nicht auch noch mit ätzenden Mitgliederversammlungen abmühen und bekomme dort womöglich noch ein Amt aufs Auge gedrückt, zumal wenn man unter 65 ist und damit den "Generationswechsel" verkörpert würde. Wer da einfach ein Plätzchen sucht, um ab und zu mal mit sympathischen Menschen ein Bier trinken zu können, ist gearscht.
Langer Rede kurzer Sinn: Ich höre sie schon jammern, all die Kassandras Rödelheims. Doch genau dort, wo Menschen hingehen, die alten Muster aufbrechen, ausscheren; Fantasie haben und mit Leidenschaft bei der Sache sind, überall dort bewegt sich auch was - und die Nadel zeigt hier in Rödelheim immer ganz steil in den Grünen Bereich. Und je mehr Leute in Rödelheim anfangen, das zu sehen und anzunehmen, je schneller nimmt der Express Fahrt auf. Vereine, Parteien und sonstige Institutionen mögen out sein. Und wenn es so ist, ist es so. Dann sind aber nicht die Menschen dran schld, sondern die Strukturen. Das hätte ich gerne am Mittwoch den FR-Leuten mit auf den Weg gegeben denn dazu stehe ich: Rödelheim ist in meinen Augen einer der am meisten unterschätzten und schlechtgeredeten Stadtteilen in Frankfurt.
Ich sag mal vorab: Ich habe nicht in das allgemeine Lamento vom doch ach so schlimmen Niedergang eingestimmt, wie es gerne die Vereinsmeier und Geschäftsringleute tun - weil es, aus meiner Sicht, eher Positives als Negatives zu berichten gibt. Ich wiederhole mich da gerne, denn ich kann es nicht mehr hören, wenn immer nur gejammert wird, was doch alles ach so schlecht geworden ist. Ist es das überhaupt?
Die Spielhallen - jaja. Inzwischen ist das Problem doch erkannt, politisch wird an einer Änderung des Bebauungsplans gestrickt, so dass nicht mit weiteren Zockerbuden zu rechnen sein dürfte. Erste Anzeichen gab es doch schon, als der Metzger in der Radilostraße auszog. Gerüchten zufolge hatte ein "Investor" die Finger danach ausgestreckt - um eine Spielhalle einzurichten. Die Bewohner des Hauses bekamen davon Wind, drohten mit kollektivem Auszug. Der Vermieter bekam daraufhin kalte Füße und vermietete anderweitig. Das ist doch ein positives Signal - inzwischen sind die Rödelheimer alarmiert und hellwach - und wissen sich zu wehren.
Beispiel 2 der Einzelhandel. Ich glaube es jedem Einzelhändler, dass es schwer ist, in Stadtteilen wie Rödelheim ein Geschäft gewinnbringend zu betreiben. Doch, nachdem was ich sehe, sind es vor allem die Betriebe die es schwer haben, die ihren Laden nach alter Väter Sitte betreiben. Und dies bereits mit der Aufmachung im Laden dokumentieren. Gegenbeispiele gefällig?
Hier sind sie: Die Confisierie Graff behauptet sich gegen gefühlte 20 weitere Bäckereien im Stadtteil. Das Geschäft brummt - und sicher nicht, weil man dort, als einer der kleineren am Ort, das x-te Roggenmischbrot leider 20 Prozent teurer verkaufen muss, weil die Konkurrenz effizienter arbeiten kann. Der Bücherladen: Lautete dort die Antwort bloß "haben wir nicht" - der Laden wäre längst Geschichte. Persönliche Ansprache (Hey, Sie mögen doch Nick Hornby, was halten sie von "Zwei an einem Tag"), Bestellungen die schneller sind als Amazon (meist am selben Tag) und ein attraktives zweites Standbein (Kunstdrucke) - so lässt sich auch im früheren Arbeiterstadteil (und im Politikersprech ist Arbeiter = bildungsfern und wenig Literatur zugewandt) ein Buchladen im inzwischen sechsten oder siebten Jahr betreiben. Weitere: Die Blumenläden "Wüstenrose" und "Schön Botanik" - weil sie mehr als Friedhofskränze und Usambaraveilchen verkaufen; die Metzgerei Kerber - weil das Tagesangebot (eine Sache zum halben Preis) derart attraktiv ist, dass selbst Leute, die sich sonst nicht unbedingt einen Metzgereibesuch leisten können, kommen; Das Café Ortells und das "Café im 11. Revier" - weil es atmosphärisch dort noch etwas anderes gibts als Stehtische und Pappbecher im Neonröhrenlicht. Und selbst die Postfiliale ist - nach der Privatisierung - irgendwie schneller und freundlicher geworden. Kurzum: es geht, wenn man will.
Wer allerdings denkt, mit Öffnungszeiten bis 18.30 Uhr, Auslagen im Schaufenster, die sich in 25 Jahren nicht ändern und Gleichgültigkeit signalisiert, Leute in seinen Laden locken zu können, der braucht sich eben nicht zu wundern, wenn die Leute sich ins Auto oder die Bahn setzen, und in wenigen Minuten im MTZ oder MyZeil ein Vielfaches an Auswahl finden, die - natürlich - auch noch günstiger ist. Das ist völlig normal und wer dies bejammert kann das sicher gerne tun, nur wird sich niemand finden, der darauf hört. Wer auch? Sollen Menschen aus Mitleid einkaufen kommen? Dafür sitzt der Euro nicht mehr locker genug. Oder weil es sich scheinbar so gehört? Mit Verlaub, mit jedem verschwindenden Geschäft stehen die Chancen zunächst 50:50, dass es sogar besser werden könnte.
Ähnlich sieht es doch im Bereich Freizeit aus. Wenn Männergesangvereine Flugblätter drucken und sich die Arbeit machen, Männer mittleren Alters aus dem Melderegister zu pulen, dann ist das rührend aber nicht zielführend. Eine gescheite Homepage, ein Auftritt bei Facebook und zeitgemäße Literatur täten ihr Übriges - doch viel abschreckender ist der "Mitgliedszwang". Wer will schon über Jahre irgendwo Mitglied sein? Die Welt ist schnell, sie verändert sich stetig, das Freizeitverhalten sowieso. Und die Konkurrenz um die wenigen Stunden Qualitätszeit, die man so gestalten will, dass man das Arbeitsleben einigermaßen erträgt oder vielleicht darin Erfüllung findet, wächst stetig. Die Unverbindlichkeit wächst. Auch das mag man beklagen, doch nützen wird das wenig. Chöre etwa, die sich zu Projekten gründen, ein Konzert etwa, können sich vor Mitgliedern kaum retten - genau weil diese wissen: Nach dem Konzert ich Schluss, ich muss mich fortan nicht auch noch mit ätzenden Mitgliederversammlungen abmühen und bekomme dort womöglich noch ein Amt aufs Auge gedrückt, zumal wenn man unter 65 ist und damit den "Generationswechsel" verkörpert würde. Wer da einfach ein Plätzchen sucht, um ab und zu mal mit sympathischen Menschen ein Bier trinken zu können, ist gearscht.
Langer Rede kurzer Sinn: Ich höre sie schon jammern, all die Kassandras Rödelheims. Doch genau dort, wo Menschen hingehen, die alten Muster aufbrechen, ausscheren; Fantasie haben und mit Leidenschaft bei der Sache sind, überall dort bewegt sich auch was - und die Nadel zeigt hier in Rödelheim immer ganz steil in den Grünen Bereich. Und je mehr Leute in Rödelheim anfangen, das zu sehen und anzunehmen, je schneller nimmt der Express Fahrt auf. Vereine, Parteien und sonstige Institutionen mögen out sein. Und wenn es so ist, ist es so. Dann sind aber nicht die Menschen dran schld, sondern die Strukturen. Das hätte ich gerne am Mittwoch den FR-Leuten mit auf den Weg gegeben denn dazu stehe ich: Rödelheim ist in meinen Augen einer der am meisten unterschätzten und schlechtgeredeten Stadtteilen in Frankfurt.
Abonnieren
Posts (Atom)